Wenn ich nach Rostock zurückkomme, bemerke ich spätestens auf dem Bahnhof in Güstrow, dass ich zu Hause bin. Mit breitem norddeutschen Dialekt werden die Reisenden begrüßt. Sofort stellt sich ein heimatliches Gefühl ein. Auch wenn ich die letzten Jahre anderswo verbracht habe, habe ich mich doch meinem platten Land immer verbunden gefühlt. Ich wurde in Ribnitz-Damgarten geboren und hatte das Glück, in einem bezaubernden Landstrich, dem Fischland/Darß, die ersten Kinderjahre zu verbringen, um dann im wunderschönen Rostock aufzuwachsen. Immer wieder zog es mich hierhin zurück, wohl auch deshalb weil ich neue Ursprünglichkeit getankt habe, um mich wieder klar und stark meinen Aufgaben stellen zu können.
POS- und EOS-Besuch sind „klassische“ Lebensstationen einer Ex-DDR-Bürgerin, bei mir ergänzt durch das manchmal qualvolle Studium der lateinischen und altgriechischen Sprache. Die Kenntnisse sind inzwischen leider bestenfalls rudimentär erhalten. Mein Interesse für Geschichte und die deutsche Sprache habe ich allerdings aus meiner Schulzeit retten können, auch dank einiger hervorragender Pädagogen, die mich ermuntert und angeregt haben. Bücher gehören trotz vieler Arbeit zu meinem Leben, eines habe ich eigentlich immer bei mir.
Das Sicherheitsbedürfnis, das direkt nach dem Mauerfall bei mir besonders ausgeprägt war, trieb mich in den öffentlichen Dienst. Heute weiß ich nach vielen Gesprächen mit Menschen meiner Generation, dass ich mit diesem Gefühl keinesfalls allein war. Es brauchte seine Zeit, bis ich in diesem Land angekommen war. Erst 1996 hatte ich das Gefühl mich hier politisch einmischen zu wollen und zu können. Bis dahin hatte ich mich vor allem für die Menschen in anderen Ländern engagiert. Für die LandarbeiterInnen in El Salvador ebenso wie für die Rechte der BlumenarbeiterInnen in Kolumbien. Die Berliner Gruppe von FIAN, dem FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk wurde von mir mit aufgebaut. Der Grundansatz dieses Netzwerkes, nämlich die Unteilbarkeit und Universalität der Menschenrechte, brachte mich zur PDS. Sie war für mich die einzige Partei, die sich diesem Anspruch klar und unmissverständlich verpflichtet fühlte und fühlt. Und ihn in der politischen Arbeit vertritt. Irgendwann fand ich es unlogisch nur ins Ausland zu schauen, wo es doch auch in einem der reichsten Länder der Welt Armut gab und Ungerechtigkeit. Ich wollte mich einmischen, im Hier und Jetzt. Da die PDS für alle offen war, die für ihre Programmatik eintraten, half ich in meinem ersten Wahlkampf, noch ohne Mitglied zu sein. Wiederum durch meine DDR-Erfahrung hatte ich ein Grundmisstrauen gegenüber Parteimitgliedschaften.
Die Beteiligung Deutschlands 1999 am Kosovo-Krieg änderte diese Einstellung. Das klare NEIN der PDS zum Krieg überzeugte mich. Seitdem bin ich Mitglied der PDS/DIE LINKE.
Persönliche Kontakte brachten mich 2001 ins Land Brandenburg, genauer gesagt nach Bernau. Durch meine 10jährige Verwaltungsarbeit hatte ich eine Reihe von Erfahrungen gesammelt und nahm gern das Angebot an, für die PDS das Bürgermeisteramt zu erobern. Als Newcomerin zwang ich den amtierenden Bürgermeister der CDU in die Stichwahl. Ein Ergebnis auf das ich heute noch ein klein wenig stolz bin. Gerade so richtig in Bernau angekommen, bot sich für mich die Möglichkeit im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Verantwortung zu übernehmen.
Von Februar 2001 bis Dezember 2006 war ich Bezirksstadträtin für Gesundheit und Soziales Friedrichshain-Kreuzberg. Für mich einer der spannendsten Berliner Bezirke, weil er nicht nur die Erfahrungen aus Ost- und Westdeutschland in sich vereint sondern die aus über 180 Nationen der Welt. Ein schier unerschöpfliches Potenzial für Begegnungen mit anderen Kulturen und Ideen, das Spannungen mit sich bringt und deshalb so aufregend ist. Viel habe ich in den fünf Jahren als Bezirksstadträtin gelernt. Eine gute Schule und Vorbereitung für meine neue Aufgabe. Im Dezember 2006 wurde ich in die Berliner Regierung berufen und habe als Staatssekretärin für Arbeit und später auch für Integration gearbeitet.
Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie viele Reformen der Hartz-Gesetze ich erleben musste. Eines ist immer gleich geblieben. Mein Protest! Ich weiß, aus einem schlechten Gesetz kann man auch in der Umsetzung kein gutes machen. Aber man kann den Menschen, die davon betroffen sind helfen, ihnen zur Seite stehen. Das habe ich in den vergangenen fünf Jahren getan. Ganz maßgeblich war ich beteiligt am Aufbau eines öffentlich geförderten Beschäftigungssektors. Langzeitarbeitslose haben dort Arbeit gefunden, zu Mindestlohnbedingungen. In meiner Verantwortung hat das Land Berlin auch gegen die so genannten christlichen Gewerkschaften in der Zeitarbeit geklagt und letztlich vor dem Bundesarbeitsgericht gesiegt. Mit Auswirkungen auf viele hunderttausend Menschen in der Bundesrepublik, die jetzt entgangenen Lohn nachfordern können. Das macht mich stolz.
Die Regierungszeit in Berlin ist vorbei, ich habe viel gelernt auch aus den Fehlern, die die LINKE in der Regierungsbeteiligung gemacht hat. Eine gute und harte Schule.
Jetzt heißt es für mich auf zu neuen Ufern! Ich freue mich darauf!
Kerstin Liebich